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13. Jahrgang (2010) - Ausgabe 8 (August) - ISSN 1619-2389
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Produkterpressung

von Dipl.-Kfm. Frank Roselieb

"E 605 im Babyglas: Erpresser schocken die Kunden" (Die Zeit, Nr. 09/1998), "Extrem erfolglos: Zum drittenmal in diesem Jahr wird Daimler-Benz erpreßt" (Der Spiegel, Nr. 44/1998), "Brieftaube war der Lockvogel: Mutmaßlicher Thomy-Erpresser gefaßt" (Die Welt vom 18. November 1998). Schlagzeilen wie diese bestimmten Ende der 90er Jahre die Berichterstattung über Erpressungen gegen Wirtschaftsunternehmen in Deutschland.

Vermehrt nahmen sich private Sicherheitsberater dieses vermeintlich "boomenden Marktes" an. Tatsächlich wurden jedoch pro Jahr selten mehr als 50 Fälle von Produkterpressungen registriert und die Täter fast immer innerhalb weniger Wochen von der Polizei gefasst. In seiner Dissertation an der Freien Universität Berlin unternimmt Rechtsanwalt Alexander Marcus Moseschus den Versuch, Licht in das Dunkelfeld der Produkterpressung zu bringen.

  • Im ersten Kapitel führt der Autor zunächst in das Kriminalphänomen "Produkterpressung" ein und grenzt dieses von ähnlichen Vorkommnissen wie Produktmanipulationen, Produktpiraterie und Schutzgelderpressung ab. Eine Produkterpressung ist danach eine erpresserische Forderung an ein Wirtschaftsunternehmen, bei deren Nichtbefolgung Sabotagen an Produkten in Aussicht gestellt werden. Von den Sabotagefolgen wird das Opferunternehmen nur mittelbar über "Gefahrenlagen" für Verbraucher betroffen. Statistische Daten zur Bedeutung des Kriminalitätsphänomens und 23 exemplarische Fallschilderungen von öffentlich bekannten Produkterpressungen der letzten Jahrzehnte beschließen das Kapitel.
  • Die kriminologischen Besonderheiten von Produkterpressungen stehen im Mittelpunkt des zweiten Kapitels. Anhand von Gerichtsurteilen und Fallschilderungen der Wirtschaftspresse gibt der Autor einen Überblick über gängige Manipulations- und Sabotagemittel, Tatorte, Erpressungsziele und Erpressungsopfer. Dargestellt werden auch die Phasen von Erpressungen, Täterprofile, Tatmotive und Straftaxen. Im Ergebnis zeigt sich, dass der durchschnittliche Produkterpresser männlich, 36 Jahre alt und nicht vorbestraft ist. Nach der Tat musste er im Durchschnitt für vier Jahre ins Gefängnis. Zu Recht weist der Autor jedoch daraufhin, dass sich angesichts der enorm breiten Fächerung des Täterspektrums solche Pauschalisierungen eigentlich nicht treffen lassen.
  • Der Strafbarkeit von Produkterpressungen im geltenden Recht widmet sich der Autor im dritten Kapitel. Ausführlich diskutiert er, welche Paragraphen des Strafgesetzbuches und des Lebensmittel- und Bedarfgegenständegesetzes bei Tätern und Trittbrettfahrern zur Anwendung kommen können. Nach Ansicht des Autors bietet das Strafrecht ausreichende und taugliche Sanktionsmittel. Der vereinzelt erhobenen Forderung nach Schaffung eines eigenen Tatbestandes Produkterpressung im Strafgesetzbuch erteilt Moseschus ebenso eine Absage wie der generellen Forderung nach höheren Straftaxen. Stattdessen plädiert er für eine möglichst zeitnahe und vor allem medienwirksame Aburteilung überführter Produkterpresser. Hierdurch soll sich in Täterkreisen die Einsicht durchsetzen, dass Produkterpressung auch unter juristischen Ahndungsaspekten kein gutes Geschäft ist.
  • Welche organisatorischen Regelungen im Vorfeld einer Produkterpressung getroffen werden können und welche reaktiven Maßnahmen zur Krisenbewältigung im akuten Krisenfall empfehlenswert sind, erläutert der Autor im vierten Kapitel. Besonderes Augenmerk sollte demnach der Auswahl von Verpackungen primär bedrohter Produkte gewidmet werden. Zwar wird auch weiterhin kein "Tresor im Supermarkt" gefordert, dennoch haben sich Produktschutz- und Sicherheitsbarrieren am jeweils anerkannten Stand von Wissenschaft und Technik sowie an den Branchenstandards zu orientieren. Zur taktischen Vorbereitung auf mögliche Notfälle zählt der Autor auch die Erstellung von Notfallplänen und die Festlegung von Kontaktketten. Das Kapitel beschließen Hinweise zur Einschätzung des Droh- und Gefährdungspotenzials von Produkterpressungen sowie ein Überblick über kriminaltaktische Reaktionsmodelle - von "stillen Arrangements" bis zum präventiven Aus-dem-Verkehr-Nehmen bedrohter Produkte.
  • Im fünften Kapitel gibt der Autor einen kurzen Ausblick auf die zukünftige Entwicklung des Kriminalitätsphänomens. Danach dürfte sich die "Attraktivität" von Produkterpressungen sowohl durch die zunehmend nicht-physischen Geldtransaktionen (Online-Banking, EC-Karten etc.) als auch durch die Expansion von Handelsketten nach Osteuropa deutlich steigern. Ebenso muss nach Ansicht des Autors mit einem Anstieg zweckfreier Produktsabotage - beispielsweise durch militante Außenseiter oder Terroristen - gerechnet werden. Täter können bereits heute ohne größere logistische Vorbereitungen medienwirksame Anschläge durchführen, da die benötigten Sabotagemittel zumeist im selben Einkaufsmarkt erhältlich sind.

Insgesamt ist Alexander Marcus Moseschus ein facettenreicher und angenehm kritischer Blick auf die "Kriminalitätsnische" Produkterpressung gelungen. Die analysierten Urteile und eingebetteten Fallstudien machen die Ausführungen authentisch und auch für juristische Laien nachvollziehbar. Gut gelungen ist die Gratwanderung zwischen fundierter Tiefendarstellung einerseits und notwendiger Oberflächlichkeit andererseits - damit das Buch nicht zu einem Leitfaden für Kriminelle wird. Aus dieser Perspektive können wir die Monografie den Produktverantwortlichen in Industrieunternehmen, Polizei- und Justizbeamten sowie spezialisierten Rechtsanwälten zur Lektüre empfehlen.

Alexander Marcus Moseschus
Produkterpressung: Ein Kriminalphänomen unter
kriminologischer, straf- und haftungsrechtlicher
sowie taktischer Betrachtungsweise
Cuvillier Verlag
Göttingen, 2004
326 Seiten, EUR 75.00
ISBN 3-86537-186-8

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Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389):
7. Jahrgang (2004), Ausgabe 9 (September)


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